1. Muster: Entscheidungen verschwinden in Gremien.
Dieses Muster tritt besonders häufig in zwei Situationen auf: einerseits in Organisationen, die gerade wachsen und deren Strukturen mit dem Wachstum nicht mithalten können, und andererseits in Restrukturierungsphasen, in denen niemand als Erster die Verantwortung für eine wegweisende Entscheidung übernehmen will. Der gemeinsame Nenner: Unsicherheit, kombiniert mit einer Führungskultur, die Fehler eher bestraft, anstatt sie als Chance für Verbesserung anzuerkennen.
Ich sass beispielsweise in einem Lenkungsausschuss, der seit acht Monaten regelmässig tagte. Tagesordnung war immer dieselbe. Ergebnis gab es leider keines. Alle nickten, alle waren informiert, niemand entschied. Der Geschäftsführer wusste es. Die Führungskräfte wussten es. Und alle hatten sich damit arrangiert, weil das System alle Beteiligten vor den möglichen Konsequenzen wesentlicher Entscheidungen schützte. Das Ergebnis: Projekte stagnierten, Mitarbeiter und Investoren verloren das Vertrauen, das Unternehmen steckte in der Endlosschleife.
Wenn Firmen wichtige Entscheidungen zunehmend in Gremien verlagern, ist das kein Zeichen von Gemeinschaft und Commitment. Es weist eher darauf hin, dass Verantwortung diffundiert. So lange, bis sie niemand mehr trägt. Und eine Organisation ohne Entscheidungskultur ist nicht handlungsfähig.
Meine Empfehlung:
Führen Sie eine Entscheidungsmatrix nach dem RACI-Prinzip ein, nicht als Organigramm-Übung, sondern als informativer Austausch auf Führungsebene:
- Wer entscheidet?
- Wer wird informiert?
- Wer hat Einspruchsrecht? Und bis wann?
Die Ergebnisse dieser Analyse zeigen in der Regel sehr schnell, wo Rollen unklar sind, wo Kompetenzgerangel herrscht und wo Führungskräfte nicht die Kompetenzen haben, die sie eigentlich bräuchten, um ihre Position erfolgreich auszufüllen. Wenn dieser Prozess schmerzhaft ist, ist das ein gutes Zeichen. Er legt offen, was alle wussten und niemand bisher ausgesprochen hat.
2. Muster: Dieselben Probleme, dieselben Gespräche, seit Jahren.
„Das kennen wir, das haben wir schon probiert. Das kennen wir schon, das haben wir schon angesprochen“. Sätze dieser Art höre ich in fast jedem Mandat. Sie klingen nach Erfahrung. Tatsächlich sind sie ein absolutes Alarmsignal. Denn Herausforderungen, die seit zwölf Monaten oder länger bekannt sind und an denen niemand arbeitet, haben ein Entscheidungsproblem: Jemand auf Führungsebene hat sich dazu entschieden, nicht zu entscheiden.
Unklare Zuständigkeiten, Kommunikationsbrüche zwischen Bereichen, Ressourcenengpässe, Situationen, die immer wieder eskalieren – wenn diese Themen in Mitarbeiterbefragungen, Workshops und Jahresgesprächen auftauchen, ist das kein Zeichen einer schwierigen Belegschaft. Es ist ein Zeichen strukturellen Versagens auf Führungsebene. Die Konsequenz: Die Frustration der Mitarbeiter wächst, das Vertrauen in die Führung schwindet, und die besten Mitarbeiter beginnen, sich innerlich zu verabschieden. Lange, bevor sie dann tatsächlich kündigen.
Meine Empfehlung:
Machen Sie eine Liste der wiederkehrenden Themen und stellen Sie für jeden Punkt drei Fragen:
- Wer ist verantwortlich?
- Was wurde konkret unternommen?
- Was hat es bewirkt?
Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, braucht es keinen weiteren Workshop. Nötig ist vielmehr eine Entscheidung darüber, was ab sofort anders gemacht wird, sowie ein Namen und ein Termin, bis wann Ergebnisse sichtbar sein müssen, oder das Thema erledigt ist.
3. Muster: Die Besten gehen, ohne dass jemand das Warum erfragt.
Ich habe in einem Mandat erlebt, dass innerhalb von wenigen Monaten vier Führungskräfte das Unternehmen verliessen. Alle mit freundlichen Worten, alle mit einer plausiblen Geschichte. Die Geschäftsführung sprach von normaler Fluktuation. Was sie nicht sah: Die vier hatten alle denselben Grund. Und alle hatten ihn intern angesprochen – ohne Resonanz.
Was diese Leistungsträger erkannt hatten, war einfach: Veränderung war in dieser Organisation nicht wirklich gewollt. Das Management machte Ansagen, doch es hielt Zusagen nicht ein. Entscheidungen, die getroffen schienen, wurden bei erster Gelegenheit wieder revidiert. Menschen mit Optionen – und Leistungsträger haben immer Optionen – verlassen solche Systeme bei erster Gelegenheit. Sie sind nicht illoyal, sondern sie schützen sich selbst. Denn sie erkennen völlig realistisch, dass sich nichts ändern wird. Reine Lippenbekenntnisse vertreiben diejenigen, die bereit für Veränderung waren.
Die Folgen sind gravierender als die meisten Geschäftsführungen wahrhaben wollen: Wissen geht verloren, Netzwerke brechen weg, die verbleibenden Mitarbeiter beobachten genau, wie die Abgänge kommentiert werden. Sie ziehen ihre Schlüsse und eines Tages ihre Konsequenzen daraus.
Meine Empfehlung:
Analysieren Sie die Abgänge der letzten zwölf bis 18 Monate qualitativ, nicht nur quantitativ. Führen Sie Exit-Interviews durch – nicht als HR-Formalität, sondern als strategisches Instrument, dessen Ergebnisse auf den Tisch der Geschäftsführung gehören. Ergänzend empfehle ich Stay-Interviews mit den verbleibenden Leistungsträgern:
- Was hält sie?
- Was würde sie zum Gehen bewegen?
Wer diese Fragen regelmässig stellt und ehrlich mit den Antworten umgeht, schafft eine Kultur, die Probleme sichtbar macht, bevor sie eskalieren, und in der gute, loyale Mitarbeiter einen Grund haben, zu bleiben. Voraussetzung dafür ist, dass ehrliche Antworten wirklich gewollt sind. Nicht jede Führungskraft ist dazu bereit. Am Ende kann es jedoch nur so gelingen, gute Mitarbeiter im Unternehmen zu halten.
4. Muster: Die informellen Wege sind längst die realen Wege.
In einer Organisation, die ich begleitet habe, gab es einen offiziellen Freigabeprozess für Investitionen: Antrag einreichen, Gremium einberufen, Protokoll erstellen, Entscheidung dokumentieren. Und es gab den Weg, den alle tatsächlich nutzten: eine kurze Nachricht an die richtige Person, und die Sache war erledigt. Der formale Prozess existierte auf dem Papier. Im Alltag war er irrelevant.
Formale Prozesse, wie beispielsweise standardisierte Entscheidungswege, Eskalationsregeln, Freigabeverfahren, Kommunikationsstrukturen zwischen Abteilungen oder definierte Verantwortlichkeiten bei Projekten, werden oftmals – nicht wie auf dem Papier skizziert – gelebt. Es entwickeln sich immer Parallelsysteme, in denen die Dinge schneller und einfacher für die Beteiligten laufen. Wenn Mitarbeiter die offiziellen Wege systematisch umgehen – nicht aus Böswilligkeit, sondern, weil sie wissen, dass der vorgesehene Prozesse schlichtweg nicht funktioniert –, hat die Organisation ein ernstes Legitimationsproblem.
Die Folgen: Entscheidungen werden intransparent, Fehler lassen sich nicht mehr nachvollziehen und neue Mitarbeiter, die die informellen Codes nicht kennen, sind strukturell benachteiligt. So verkommt das Onboarding meist zu einem Possenstück.
In „Reinventing Organizations visuell: Ein illustrierter Leitfaden sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“ von Frederic Laloux wurde dieses Phänomen als wahres Flechtwerk unterhalb der eigentlichen Organisationsstruktur dargestellt. Jeder mit jedem, aber keiner weiss so genau, in welcher Sache. Die, die am Ende die Arbeit machen, finden immer eine Optimierung, die jedoch selten Einzug in die Regelwerke findet. Leider untergräbt eine solche Vorgehensweise die Organisation und ihre Struktur. Sie wird über kurz oder lang zu einem unliebsamen Hindernis für jede weitere Entwicklung – ganz gleich, welche Strategie das Unternehmen verfolgt.
Meine Empfehlung:
Führen Sie eine Prozessvalidierung durch: Welche formalen Abläufe leben die Mitarbeiter tatsächlich? Und welche existieren nur auf dem Papier?
Geeignete Leitfragen für diese Gespräche sind:
- Wie läuft eine typische Entscheidung ab? Nicht laut Regelwerk, sondern in der Realität.
- Wo entstehen Reibungsverluste?
- Was würden Sie sofort ändern, wenn Sie könnten?
Anschliessend stellt sich die eigentliche Frage: Passen wir die Struktur an die Realität an oder klären wir, warum die Realität von der Struktur abweicht?
Beides ist legitim. Wer das Parallelsystem duldet, macht es zum Standard.
5. Muster: Umfangreiche Reportings ohne Sinn und Nutzen.
Ich war in Organisationen tätig, die monatlich ein zig-seitiges Management-Reporting produzierten. Aufwendig erstellt, professionell aufbereitet, pünktlich an einen ausgewählten Verteilerkreis versendet. Und doch gab es keine einzige Sitzung, in der das Reporting als Entscheidungsgrundlage diente. Die Zahlen wurden kommentiert, manchmal diskutiert, aber sie lösten nichts aus. Das Reporting war zur ressourcenvernichtenden Gewohnheit geworden, es war kein Steuerungsinstrument.
Das entsteht, wenn Unternehmen Kennzahlen einführen, ohne vorab zu definieren, welche Konsequenzen hieraus folgen. Kennzahlen ohne Schwellenwerte und ohne Eskalationslogik sind eine sehr aufwendige und teure Dekoration.
Zu den Kennzahlen, die jedes Unternehmen wirklich kennen und aktiv steuern sollte, gehören – je nach Branche oder Abteilung – unter anderem:
- Fluktuation nach Leistungsebene
- Projektdurchlaufzeiten im Vergleich zur Planung
- Entscheidungsgeschwindigkeit bei definierten Vorlagen
- Kundenzufriedenheit im Zeitverlauf
- Umsatz pro Mitarbeiter oder Abteilung
Entscheidend ist nicht die Vollständigkeit der Kennzahlen. Entscheidend ist, dass jede Zahl eine klar zugewiesene Verantwortung und eine definierte Reaktionsschwelle mit entsprechenden Handlungsempfehlungen hat.
Meine Empfehlung:
Stellen Sie für jede zentrale Kennzahl drei Fragen:
- Welche Entscheidung wurde in den letzten drei Monaten auf Basis dieser Zahl getroffen?
- Was passiert konkret, wenn ein definierter Schwellenwert unter- oder überschritten wird?
- Wer ist für die Einleitung der entsprechenden Massnahmen verantwortlich?
Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, streichen Sie die Kennzahl oder definieren Sie mit Ihrem Team die entsprechenden Antworten. Wenige, relevante KPIs mit klarer Konsequenz sind besser als komplexe Reportings ohne Wirkung.
6. Muster: Oben ist man sich einig, unten kommt nichts an.
Ich teste das regelmässig in meinen ersten Wochen in einem Mandat: Ich frage fünf bis zehn Führungskräfte der mittleren Ebene einzeln, unvorbereitet und ohne Agenda nach den drei wichtigsten Prioritäten des Unternehmens für die nächsten sechs Monate. Die Antworten sind selten deckungsgleich, manchmal noch nicht einmal ähnlich.
Strategien scheitern nicht an ihrer Konzeption. Sie scheitern im mittleren Management. An Menschen, die operative Verantwortung tragen, gleichzeitig Veränderungen vorantreiben sollen und weder den Handlungsrahmen noch das Mandat haben, um tatsächlich zu führen. Das liegt auch daran, wie Führung in vielen Organisationen organisiert ist: Top-down-Ansätze kommunizieren Richtung, geben aber keinen Handlungsrahmen. Partizipative Ansätze erzeugen gewünschte oder unerwünschte Beteiligung – doch häufig ohne Klarheit. Was funktioniert, ist eine Kombination: Klare Entscheidungen auf Geschäftsführungsebene und eine transparente interne Kommunikation, verbunden mit definierten, eigenverantwortlichen Handlungsspielräumen für die mittlere Ebene.
Meine Empfehlung:
Nutzen Sie den Fünf-Fragen-Test als Diagnose-Tool, ziehen Sie Konsequenzen aus den Antworten, die Sie erhalten, und leiten Sie passende Massnahmen in die Wege, wie etwa eine klare Kaskadierung mit definiertem Handlungsrahmen, regelmässige Führungsdialoge, die Ausrichtung sicherstellen, und die ehrliche Bereitschaft, zu klären, was genau weitergegeben werden soll und was nicht. Führungskräfte der mittleren Ebene brauchen keine Anweisungen. Sie benötigen Orientierung und klar definierte Leitplanken, innerhalb derer sie sich eigenverantwortlich bewegen können.
7. Muster: Transformation wurde delegiert, aber nicht geführt.
Das ist das Muster, das ich am häufigsten sehe und das die grössten Folgeschäden verursacht. Eine Organisation beschliesst Transformation, setzt ein Projektteam auf, beauftragt eine Beratung und definiert Meilensteine. Die Führungsebene ist informiert, im Lenkungsausschuss vertreten und nickt. Aber sie steht nicht hinter der geplanten Veränderung. Nicht sichtbar, nicht persönlich, nicht konsequent.
Ich habe das zuletzt in einer mittelgrossen Organisation erlebt, die ein umfassendes Kulturprogramm aufgesetzt hatte – mit externem Begleiter, Workshops auf allen Ebenen, eigenem Budget. Und während die Mitarbeiter in den Workshops über eine neue Führungskultur sprachen, entschied die Geschäftsführung weiterhin im Alleingang, ohne Rückkopplung und ohne die Werte, die das Programm propagierte, auch nur ansatzweise zu respektieren. Die Konsequenz: Das Programm scheiterte. Nicht wegen der Methodik, sondern wegen mangelnder Glaubwürdigkeit an der Spitze. Und die Mitarbeiter? Sie hatten diese Entwicklung vom ersten Tag an vorhergesehen.
Transformation, welche die Führungsspitze nicht (vor)lebt, verliert ihre Glaubwürdigkeit, noch bevor das erste Projektmeeting stattgefunden hat. Kein Change-Modell der Welt kann das kompensieren.
Meine Empfehlung:
Fragen Sie sich – oder Ihre Geschäftsführung – ganz konkret:
- Wo sind wir als Führung in den letzten drei Monaten persönlich aufgetreten, um Wandel zu erklären und Widerstände direkt aufzunehmen?
- Welche Entscheidungen haben wir getroffen, die zeigen, dass Transformation auch uns selbst betrifft?
Wenn diese Fragen schwer zu beantworten sind, liegt das Problem nicht im Projektplan, sondern in der Führungsbereitschaft. Führung zu übernehmen, ist das Einzige, das kein externer Berater stellvertretend übernehmen kann. Als Interim Managerin muss ich diesen Umstand immer wieder klar benennen – auch, wenn oder gerade, weil es unbequem ist.
Fazit: Wer wartet, bis es brennt, löscht nur noch.
Keines der sieben Muster ist ein Einzelphänomen. In der Praxis treten diese Muster häufig gebündelt und in jedweder Kombination auf. Sie verstärken sich gegenseitig. Ich habe noch keine Organisation erlebt, die an einem einzigen dieser Missstände gescheitert ist. Es ist immer das Zusammenspiel.
Externe Perspektive hilft – nicht, weil aussenstehende Berater klüger sind, sondern, weil sie die Wahrheit aussprechen dürfen, die intern niemand sagen will. Geschäftsführer, die externe Begleitung früh einbeziehen, tun das nicht aus Schwäche. Sie holen fachkundige Unterstützung, weil sie verstanden haben, dass blinde Flecken systemimmanent sind, und weil sie lieber jetzt proaktiv handeln als später nur noch zu reagieren.
Wenn Sie eines dieser Muster in Ihrer Organisation wiedererkennen: Der richtige Zeitpunkt zum Handeln war gestern. Der zweitbeste ist jetzt.